Aufruf zu den Aktionstagen im Rheinland vom 3.-5.11.17

Im April 2017 erreichte die Konzentration von Kohlendioxid in der Erdatmosphäre den höchsten Wert seit etwa einer Million Jahren. Die „Kipppunkte“ im Klimasystem, wodurch der Klimawandel in eine Phase eintritt, in der er sich selbst verstärkt und beschleunigt, rücken immer näher. Dennoch lassen politische Konsequenzen weiter auf sich warten. Regierungen und Konzerne, angetrieben durch kapitalistische Profit- und Wachstumszwänge, reden viel und unternehmen doch viel zu wenig. Sie träumen von einem grünen Kapitalismus und feuern die Profitmaschinerie weiter an, Hauptsache die ‚Stimmung an den Märkten‘ stimmt. Wir aber sehen nicht weiter zu, wie sie auf ihren jährlichen Klimagipfeln schwammige Kompromisse beschließen, die am Ende doch niemanden verpflichten. Wir wissen: Ohne einen sofortigen Kohleausstieg ist der Kampf gegen den Klimawandel nicht zu gewinnen. Also nehmen wir das Ende der Braunkohle selbst in die Hand. Unsere Kampfansage lautet: „System change, not climate change!“ Wir kommen, um die soziale Frage des 21. Jahrhunderts zu stellen, die nur eine globale sozial-ökologische Frage sein kann.

Die soziale Frage des 21. Jahrhunderts

Die ökologische Krise droht nicht, sie ist schon längst da. Vor allem ist sie kein Unfall oder bedauerliches Nebenprodukt eines funktionierenden Systems. Die ökologische Krise ist in die kapitalistische Logik des höher, schneller, weiter eingeschrieben. Noch immer werden die ehemaligen Kolonien ausgebeutet, doch seine finale Grenze findet die Wachstumsmaschine in den Grenzen des Planeten. Die Katastrophe wird immer weiter entgrenzt und umfasst bald die gesamte Erde. Das Kapital fragt nicht nach dem Schutz von Arbeiter*innen oder Umwelt, denn es kann auf die ökologische Krise, die es nur als Wachstumskrise wahrnimmt, nicht anders antworten als in der ihm einzig verständlichen Sprache der weiteren Expansion – sei es durch Krieg, die Entwicklung neuer Technologien oder die wirtschaftliche Ausbeutung bisher nicht kapitalistisch genutzter Territorien.

Rund die Hälfte der bekannten Tiere und Pflanzen ist bereits ausgerottet durch die Auswirkungen industrieller Landwirtschaft, durch Zerstörung von Wäldern und durch immer stärkere Verschmutzung von Wasser, Luft und Boden. Ackerland sowie frisches Trinkwasser werden zu einem knappen Gut in immer mehr Weltregionen. Hunderte Millionen Menschen, die von Subsistenzlandwirtschaft leben, werden durch den Klimawandel, Billigimporte oder gewaltsame Vertreibung bedroht, ganze Landstriche werden durch gewaltige Bergbauprojekte verwüstet. Die Auswirkungen des Klimawandels und der ökologischen Zerstörung treffen diejenigen am stärksten, die schon immer unter der kapitalistischen Expansion gelitten haben. Große Teile der Weltbevölkerung leben unter desolaten ökologischen Bedingungen, unter anderem weil ihre Ökosysteme für den imperialen Lebensstil des globalen Nordens ausgebeutet werden. Als logische Konsequenz eines Systems der unbegrenzten Umwandlung von lebendiger, lebensspendender Natur in totes, angehäuftes Kapital entsteht ein globales Umweltproletariat.

Deshalb gilt unsere Solidarität allen Bewegungen, die sich weltweit gegen Naturzerstörung und die Ausbeutung fossiler Energiequellen zur Wehr setzen, zum Beispiel den nordamerikanischen Indigenen, die gegen die Keystone XL Pipeline kämpfen. Mit Ende Gelände! setzen wir ein starkes Zeichen für Klimagerechtigkeit – Im Herzen des kapitalistischen Wachstumsregimes, gegen den Klimawandel und seine Nutznießer*innen, gegen das weiter so wie bisher.

Omnia sunt communia! – Alles gehört allen!

Auch wenn die Aussichten düster sind und die Plünderung unserer Lebensgrundlagen scheinbar unaufhaltsam fortschreitet, sind wir entschlossen für das scheinbar Unmögliche zu kämpfen, für den revolutionären Bruch und eine solidarische Gesellschaft. Zum 500. Jahrestag der Bauernaufstände ist Thomas Müntzers Motto aktuell wie nie: Omnia sunt communia. Alle sind gleich. Alles gehört allen gemeinsam. Alle sind gemeinsam verantwortlich. Die Erde ist commun und sie soll auch so behandelt werden. Aber dafür müssen wir die Erde dem Kapital und, den Kapitalist*innen ihre Macht entreißen. In diesem Sinne wollen wir einen ökologischen, feministischen, einen globalen Kommunismus. Wir wollen Freiheit, Gleichheit und Solidarität statt Autoritäten, Hierarchien und Konkurrenz. Wir wollen eine Wirtschaft, die realen menschlichen Bedürfnissen dient, statt Profit und Konsum zu steigern. Eine Wirtschaft, die die planetaren Grenzen achtet und unsere Lebensgrundlagen erhält. Wir wollen Klimagerechtigkeit und eine bessere Welt für alle.

Unsere Forderung nach globaler Klimagerechtigkeit ist legitim und wird dennoch immer stärker kriminalisiert. Wir erleben Gesetzesverschärfungen, die durch massive Strafen davor abschrecken sollen, Widerstand auf die Straße zu tragen. Strafanzeigen und Unterlassungserklärungen sollen uns im Namen des Rechtsstaats dazu zwingen, den Schutz des Klimas und der Biosphäre zu unterlassen. Wir schütteln die Köpfe angesichts der Repression von Menschen, die doch nur mit aller Kraft versuchen, der Zerstörung der Welt zu begegnen.

Systemwandel statt Klimawandel!

Eine Kohleblockade allein ist noch kein politisches Programm. Ein Kohleausstieg ist noch keine Revolution. Eine Gesellschaft, wie wir sie uns vorstellen, wird entlang zahlreicher Brüche erkämpft werden. Sei es die Vergesellschaftung der großen Energiekonzerne; sei es ein kostenfreier öffentlicher Personennahverkehr; seien es weltweite Agrarreformen zur Stärkung kleinbäuerlicher, selbstbestimmter Landwirtschaft; sei es eine massive Arbeitszeitverkürzung unter Lohnausgleich und besonderer Unterstützung für Menschen mit vielen Sorgeaufgaben; sei es die demokratische Gestaltung eines gerechten Übergangs in den vom Braunkohletagebau betroffenen Regionen gemeinsam mit den Arbeiter*innen, nicht gegen sie. All diese Brüche im Einzelnen sind keine revolutionären Umwälzungen, aber sie sind Schritte auf dem weiten Weg einer radikalen Transformation zur Ermöglichung eines guten Lebens für alle. Die soziale und ökologische Frage gehören zusammen und lassen sich nicht jenseits der Machtfrage beantworten.

Auf diesem Weg ist Ende Gelände! für uns ein wichtiger nächster Schritt. Es ist auch der Erfolg von Ende Gelände!, dass sich herumspricht: Keine Zukunft mit der Kohle! Die Braunkohleindustrie spürt den Gegenwind bereits mächtig über ihre Reviere fegen. Ihre Börsenkurse brechen ein, ihre Profitaussichten verschlechtern sich drastisch. Um ihre Lobbyisten-Besatzung herum wird es allmählich einsam auf dem sinkenden Schiff, denn Verbrennung von Kohle gilt in immer breiteren Kreisen der Gesellschaft als inakzeptabler Irrweg. Importe von Steinkohle, die in anderen Weltregionen unter noch schlimmeren Bedingungen gefördert wird, sind dafür kein Ausweg. Mit Ende Gelände! intervenieren wir in diese gesellschaftlichen Aushandlungsprozesse – gemeinsam, entschlossen und mit einer klaren Botschaft der globalen Solidarität.
Ende Gelände! ist Teil einer transnationalen Bewegung für Klimagerechtigkeit und ein wichtiger Ort der Zusammenkunft für die Klimabewegung in Europa. Der Erfolg des vergangenen Jahres, als 4.000 Aktivist*innen die Lausitzer Braunkohle blockierten, war ein Meilenstein in der jüngeren Geschichte unserer Bewegung. Lasst uns 2017 daran anknüpfen! Kommt mit uns ins rheinische Braunkohlerevier unter dem Motto: „Wir schaffen ein Klima der Gerechtigkeit!“ Vom 3.-5. November während der UN-Klimakonferenz. Wir wollen den Systemwandel, um den Klimawandel aufzuhalten!

-> Theorie: pcs2017.org u. Praxis: #EndeGelaende u. #zuckerimtank

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aktualisierung: Pressemitteilungen

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Aktionserklärung von Aktivist*innen der Blockade am Braunkohlekraftwerk Weisweiler, 15.11.2017, 14:18

Weil ihr nur verhandelt, müssen wir selber handeln!

Wir haben mit Lock-Ons, Tripods und Abseilaktionen die Kohleförderbänder und Verladebagger – und damit die gesamte Kohlezufuhr – des Kraftwerks Weisweiler blockiert, um aktiv dazu beizutragen, Klimagerechtigkeit zu erreichen. Der Klimagipfel in Bonn nähert sich dem Ende und schon wieder zeigt sich – wie wäre es auch anders zu erwarten – es ändert sich nichts. Während Repräsentant*innen über angebliche Klimaschutzziele verhandeln, läuft nur wenige Kilometer vom Tagungsort die Braunkohleverstromung unentwegt weiter.

Die Tagebaue des Rheinischen Reviers sind die größten CO2-Quellen Europas. Indem sie den Klimawandel vorantreiben, profitieren die Länder des Globalen Nordens und vor allem die Industrie vom Abbau der Kohle. Die Auswirkungen treffen hingegen insbesondere die Länder des Globalen Südens, in denen der Klimawandel und die kapitalistische Logik bereits Millionen von Menschen ihre Lebensgrundlage genommen hat – alltäglich werden hiermit koloniale Strukturen reproduziert. Wir sind zwar alle von den Auswirkungen betroffen, jedoch unterschiedlich stark – abhängig von Wohnort und Klasse, entlang von Kategorien wie Gender und Race.

Wenn wir von Klimagerechtigkeit reden, heißt das: Wir wollen keine Privilegien für Wenige auf Kosten Vieler. Um darauf hinzuarbeiten, dass alle Menschen ein gutes Leben führen können, müssen die Kohlekraftwerke hier stillstehen. Denn sie sind Teil des kapitalistischen Herrschaftssystems, das Zerstörung und Armut hervorbringt. Dieses System, die Verhandlungen bei den Klimakonferenzen und die Green Economy werden keine Gerechtigkeit ermöglichen, da auch sie der Ideologie des ewigen Wachstums folgen.

Wir halten es für nötig, sich jetzt selbst zu organisieren – bildet Klimabanden oder engagiert euch in bereits bestehenden Gruppen. Es gilt Alternativen zu leben – baut solidarische Nachbarschaften auf und wechselt euren Stromanbieter. Seid Zucker im Tank des fossilen Kapitalismus!

Mit unserer Aktion zeigen wir: Der Ausstieg aus der Braunkohle bleibt notwendige Handarbeit und schon einige Wenige können die Zahnräder des Systems zum Erliegen bringen. Wir handeln, weil andere nur verhandeln.

WEshutdown

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Von presse@ende-gelaende.org, So, 5.11.2017, 20:51

Ende Gelände-Aktivist*innen beenden erfolgreiche Aktion zivilen
Ungehorsams im Hambacher Tagebau + Kohlebagger und Kohleband standen
still + Internationale Klimabewegung erreicht selbst gestecktes Ziel +

https://www.ende-gelaende.org/de/press-release/pressemitteilung-5-11-2017-2045-uhr/?preview_id=5437&preview_nonce=cc7b3a8ff5&preview=true

Buir, 5.11.2017: Das Bündnis Ende Gelände erklärte die Massenaktion im
Tagebau Hambach für beendet. Die Klimaaktivist*innen, die nach einer
angemeldeten Demonstration am Morgen in den Tagebau hinabstiegen,
stoppten mehrere Kohlebagger und ein Förderband. Mit ihrer Aktion
setzten viele tausend Menschen ihre Forderung nach einem sofortigem
Kohleausstieg selbst in die Tat um und damit ein starkes Zeichen für
Klimagerechtigkeit. „Mit dieser direkten Aktion demaskieren wir im
Vorfeld der Weltklimakonferenz die deutsche Klimapolitik als Farce.
Alles Gerede über Klimaschutz ist Heuchelei, solange fossile Energien
nicht im Boden bleiben. Deutschland und der globale Norden müssen sich
ihrer historischen Verantwortung stellen und die Klimakatastrophe
aufhalten“, sagte Janna Aljets, Pressesprecherin von Ende Gelände.

Der Protest ist getragen von breiter gesellschaftlicher Unterstützung.
Viele Einwohner*innen beteiligten sich an den Demonstrationen im Vorfeld
der Aktion, hunderte von Menschen in Köln und Bonn öffneten ihre Häuser,
damit Aktivist*innen bei ihnen übernachten konnten. Viele NGOs und
zivilgesellschaftliche Gruppen erklärten ihre Solidarität mit Ende
Gelände. Die Pacific Climate Warriors, eine Gruppe von
Klimaschützer*innen verschiedener pazifischer Inselstaaten, führten am
Morgen eine solidarische, kulturelle Zeremonie in Tagebau Nähe durch.

„Der heutige Tag hat gezeigt, wie international die Bewegung gegen Kohle
und andere fossile Energieträger ist. In der Grube standen
Klimaaktivistinnen und -aktivisten aus der ganzen Welt solidarisch in
ihrem Protest vereint. Auch ziviler Ungehorsam gegen Braunkohle hat eine
breite Basis in der Bevölkerung“, so Dorothee Häußermann,
Pressesprecherin von Ende Gelände. „Wir sind in den Wohnzimmern der
Menschen angekommen.“

Die Polizei reagierte zunächst zurückhaltend auf den Start der Aktion
massenhaften zivilen Ungehorsams. Auf dem Weg in die Grube konnten
konfrontative Situationen vermieden werden. In der Grube eskalierte die
Polizei jedoch, indem sie mit einer Reiterstaffel in eine Gruppe von
Aktivist*innen hineinritt und sitzende Personen mit Pfefferspray
angriff. Hierzu der parlamentarische Beobachter, Lorenz Gösta Beutin,
Bundestagsabgeordneter der Fraktion die LINKE: „Die Polizei,
insbesondere die Reiterstaffel, hat während der Aktion unverhältnismäßig
Gewalt angewendet.“ Imke Byl, beobachtende Landtagsabgeordnete der
Fraktion Bündnis 90/ Die Grünen in Niedersachsen, kommentiert: „Mein
schleswig-holsteinischer Kollege Lasse Petersdotter und ich haben
tanzende und singende Aktivistinnen und Aktivisten erlebt, die sich auch
nicht durch die zeitweise Gewalt der Polizei nicht haben provozieren
lassen. Stattdessen blieben sie bei ihrem kreativen und friedlichen
Protest.“

Die Aktion hat im Vorfeld des Klimagipfels gezeigt, wie Klimaschutz
praktisch aussieht. Auch wenn die heutige Aktion für beendet erklärt
ist, werden Klimaschützer*innen aus der ganzen Welt den Protest auf
unterschiedliche Art und Weise fortsetzen.

*Weitere Informationen und Kontakte *

*Ende Gelände:*

Janna Aljets: 0049-152-1394 8921
Dorothee Häußermann: 0049-152-163 812 94
E-Mail: presse@ende-gelaende.org
Homepage: https://www.ende-gelaende.org

*Bildmaterial: *

https://www.flickr.com/photos/133937251@N05/albums

*Drohnenaufnahmen:
*

**Das Passwort erhalten Sie auf Nachfrage:
https://cloud.ende-gelaende.org/s/Ubza2BrNqsMwAsv

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